Mit Rohmilch und Milchprodukten an die Warenterminbörse

 

Prof. Dr. Holger D. Thiele, ife Institut Kiel und Fachhochschule Kiel

 

Seit 2010 gibt es Warenterminkontrakte für Milchprodukte in Europa

Anders als der Begriff vermuten lässt, findet an einer Warenterminbörse normalerweise kein Warenhandel statt. Stattdessen werden an Warenterminbörsen standardisierte Kontrakte auf Termin gehandelt. Es sind üblicherweise reine Finanzgeschäfte, die mit den Produktmärkten nichts zu tun haben. Mit den Warenterminkontrakten können Marktteilnehmer Kauf- und Verkaufspreise für einen zukünftigen Termin sichern. An der Warenterminbörse in Paris (Matif) beispielsweise werden Kontrakte auf zukünftige Einkaufs- und Verkaufspreise von Weizen, Raps und anderen landwirtschaftlichen Gütern abgeschlossen. An der Warenterminbörse in Leipzig, der EEX (European Energy Exchange AG), ist seit 2010 der Handel mit Warenterminkontrakten (auch Futures oder Futurekontrakte genannt) mit Milchprodukten möglich. Angeboten werden Kontrakte auf Butter, Magermilchpulver (MMP) und Molkenpulver mit einer Kontraktgröße von 5 t sowie Kontrakte auf Flüssigmilch mit einer Kontraktgröße von 25 t. Alle haben eine maximale Laufzeit von 18 Monaten. Es gilt das sogenannte ‚Cash-Settlement’, das heißt, es kann keine Ware physisch am Warenterminmarkt angedient werden. Das macht den Umgang mit Pulver- und Butterkontrakten für viele Marktteilnehmer, z.B. auch Milcherzeuger, die weder Pulver noch Butter herstellen, einfacher.

 

An der Warenterminbörse EEX in Leipzig gehandelte Kontraktmengen an Butter und Magermilchpulver seit Börsenstart in Tonnen

Quelle: ife Institut für Ernährungswirtschaft Kiel, EUREX-Notierungen, EEX-Notierungen.

 

Wie funktioniert die börsenbasierte Preisabsicherung in der Milchwirtschaft?

Durch den Verkauf von Butter und MMP für Liefertermine, die in der Zukunft liegen, vereinbart der Landwirt oder die Meierei einen festen Preis für das jeweilige Milchprodukt zu dem vereinbarten Liefertermin. Das Ziel ist die Sicherung eines bestimmten Preises. Es steht also nicht der höchste Preis, sondern ein sicherer Milchpreis im Vordergrund. Dabei sind Milchprodukt- und Börsengeschäft zwar unabhängig zu betreiben, aber immer parallel zu betrachten. Erfolgt die Preissicherung an der Börse in Höhe der monatlichen Milchmenge oder darunter, dann spricht man von einem reinen Absicherungsgeschäft. An der Börse nennt man dies ‚Hedge-Geschäft’. Handelt man indessen ohne ein Parallel- oder Gegengeschäft mit tatsächlich existierenden Gütern, spricht man von Spekulationsgeschäften. Landwirte oder Meiereien, die an der Börse bestimmte Mengen preislich absichern, sind Beispiele für klassische Preisabsicherer oder ‚Hedger’.

Wenn beispielsweise am 1. März 2019 an der EEX in Leipzig für einen Lieferzeitpunkt, zum Beispiel im August 2019, Magermilchpulver für 2.065 Euro je Tonne und Butter für 4.275 Euro je Tonne verkauft werden können, dann entspricht dies einem sogenannten ‚ife Börsenmilchwert’ – berechnet nach dem Verfahren, gemäß dem das ife Institut den Kieler Rohstoffwert ermittelt – in Höhe von 33,9 Cent je kg Standardmilch (4% Fett, 3,4% Eiweiß, ab Hof, ohne MwSt.). Der Landwirt sichert sich folglich am 1. März den Verkaufspreis in Höhe von 33,9 Cent je kg Milch für den Monat August. Schwächt sich bis zum August 2019 der Milchmarkt ab und sinkt der ife Börsenmilchwert auf Basis der EEX Kontraktpreise um 2 Cent je kg und sinkt gleichzeitig auch der Erzeugerpreis der Meierei, der sogenannte Kassamarktpreis, dann kann der Landwirt den 2 Cent-Verlust des Erzeugerpreises der Meierei durch den 2 Cent-Vorteil an der Börse ausgleichen. Sein Gesamterlös beträgt dann zusammengenommen wieder 33,9 Cent pro kg Milch - abzüglich der Kosten des Absicherungsgeschäfts, also der Gebühren der Börsenabsicherung, die vom Broker der Bank und der Börse erhoben werden. Es muss auch immer eine Sicherheitsleistung vorfinanziert werden, wenn Börsenkontrakte verkauft oder rückgekauft werden.

 

Wichtig ist der Zusammenhang zwischen Milcherzeugerpreisen und Börsenmilchwerten

Ein Risiko besteht allerdings darin, dass sich die Milcherzeuger- und Börsenmarktpreise unterschiedlich entwickeln können und dies nicht von vornherein mit eingeplant wurde. Man spricht vom sogenannten ‚Basisrisiko’. Das ist der Fall, wenn zum Beispiel der Erzeugerpreis der Meierei um 2 Cent sinkt und der Rückkauf der Kontrakte an der Börse nur einen Vorteil von 1 Cent je kg erzeugt, weil die ife Börsenmilchwerte abgeleitet aus den EEX-Kontrakten nur um 1 Cent gesunken sind und nicht wie angenommen 2 Ct. Dann sieht die Rechnung für den Landwirt so aus: Nachteil von 2 Ct durch gesunkenen Meiereipreis und nur 1 Ct Vorteil aus Börsengeschäft = es bleibt ein Nachteil von 1 Ct, der nicht abgesichert werden konnte.

Grundsätzlich können Flüssigmilchpreise bereits über die Umrechnung zum ife Börsenmilchwert aus den EEX-Magermilchpulver- und Butterkontrakten abgesichert werden. Unsere Marktbeobachtung zeigt, dass die Anzahl der europäischen Landwirte, die diesen Mechanismus nutzen, kontinuierlich zunimmt. Allerdings weicht der ife Börsenmilchwert von den Milcherzeugerpreisen der Meiereien mal mehr und mal weniger ab. Ein direkter Rohmilchkontrakt – ohne Umrechnung über den ife Börsenmilchwert – ist dichter an den Erzeugerpreisen der Meiereien. Daher gibt es seit August 2018 einen Flüssigmilchkontrakt an der EEX. Dort kann ebenso wie oben geschildert eine Milchmenge von 25 t im August 2019 abgesichert werden, indem ein Kontrakt Flüssigmilch an der Börse verkauft wird. Allerdings gibt es für diesen Termin dort noch nicht genügend Käufer und Verkäufer. Trotzdem könnte man dort versuchen, Flüssigmilch zu z.B. 35 Ct zu verkaufen.

 

Warum betreibt noch nicht jeder Preisabsicherung über Warenterminbörse

Die Milchwirtschaft in Europa muss sich derzeit nach mehr als 30 Jahren staatlicher Mengensteuerung seit 2015 neu finden. Aktuell sind wir am Beginn des vierten Jahres dieser Neu-Etablierung der Milchbranche ohne europaweite Mengensteuerung. Auch die Deregulierung durch Absenkung der Mindestpreise für Milch bzw. der Interventionspreise für Milchprodukte existiert erst seit 2007. Die Milcherzeuger konnten lange Jahre mit vergleichsweise geringen Preisrisiken des Milchmarktes leben. Dies ist nun nicht mehr der Fall (vgl. Abbildung). Aber nicht nur, weil die Preisschwankungen bei Milch stark zugenommen haben. Sondern auch, weil die Milcherzeuger durch hohe Investitionen und Wachstum eine geringere Liquidität als in früheren Jahren aufweisen. Wie bei anderen Agrarprodukten braucht es auch in der Milchbranche ein umfassenderes Risikomanagement. Zu den wichtigen Instrumenten in diesem Bereich zählt die  Warenterminbörse.

 

Seit 2007 haben sich die Milchpreisschwankungen mehr als verdoppelt!

 

Wie sieht die Zukunft der Preisabsicherung in der Milchwirtschaft durch Warenterminbörsen aus?

Wir im ife Institut gehen davon aus, dass die börsenbasierte Preisabsicherung auf dem Milchmarkt in einigen Jahren schon genauso ‚normal’ sein wird wie etwa der Warenterminhandel von Weizen und Raps. Laut einer Mitgliederbefragung des Milchindustrieverbandes in 2018 planen 38 % der befragten Molkereien Preisabsicherung über die Börse. Da ein höherer Anteil größerer Molkereien geantwortet hat, könnten unter der Annahme, dass rund die Hälfte der Milchmenge mittels verschiedener Absicherungsmodelle über die Börse abgesichert werden, bald ca. 15 % der deutschen Milch börslich gesichert sein. Dies sind Größenordnungen, wie sie aus den Vereinigten Staaten bekannt sind. Diese Veränderung dürfte einhergehen mit Veränderungen bei den Lieferkontrakten zwischen Milcherzeugern und Molkereien. Unsere Empfehlung an alle Beteiligten in der Wertschöpfungskette Milch lautet daher: (1) Grundwissen über Milchterminmärkte aneignen, um die Eignung für den eigenen Betrieb zu prüfen. (2) Chancen und Risiken klar einschätzen lernen, z.B. wie weit liegt der Milchpreis meiner Meierei vom ife Börsenmilchwert entfernt. (3) Preissicherungsstrategien entwickeln, u.a. auf Basis börslicher Milchterminkontrakte mit den Marktpartnern wie der Meierei oder auch betriebsindividuell jeder Hof für sich. (4) Bei Preisabsicherungsstrategien immer auch die Liquidität und den ‚Cash-Flow’ im Auge behalten.